Jee Eun Franziska Lee

08.07.14 - Raumfüllender Klavierklang

Solistenexamen der Pianistin Jee-Eun Franziska Lee an der Musikhochschule

Badische Neueste Nachrichten, hd

Die meisten öffentlichen Rezitals der Solistenexamina an Musikhochschulen haben eines gemeinsam: die Auswahl des standardisierten, klassisch-romantischen Klavierrepertoires; „Ausrutscher" in die Barockzeit oder gar ins 20. Jahrhundert sind hier leider selten zu erleben. Dies konnte man von der Programmwahl der 1988 im südkoreanischen Seoul geborenen Pianistin Jee-Eun Franziska Lee, die seit 2011 an der Musikhochschule Karlsruhe bei Sontraud Speidel ausgebildet wird und sich nun seit gut einem Jahr im Studiengang Solistenexamen befindet, jedoch ganz und gar nicht behaupten: Die Kombination von Schuberts auch von „gestandenen" Pianisten in gestalterischer Hinsicht gefürchteter später A-Dur-Sonate D. 959 mit der Klaviersonate des 2013 verstorbenen französischen Komponisten Henri Dutilleux verriet noch bevor der erste Ton erklang schon die künstlerisch individuelle Herangehensweise Jee-Eun Franziska Lees, mit der sie ihr Solistenexamen-Rezital im Velte-Saal von Schloss Gottesaue darbot.

Mit ihrem wahrhaft raumfüllend-orchestralen, nachhaltig-sonoren Klavierklang und der geistigen Durchdringung der formalen Anlage des ersten Satzes in Schuberts Sonate zeigte Lee dann eindeutig ihre künstlerische Reife und Intelligenz. Im folgenden Andantino brachte das exakte Durchhalten des Tempos ohne großes Nachgeben den Schubert-typischen, wanderermäßigen Charakter zum Ausdruck und vermied zugleich unnötige Sentimentalität. Äußerst eindrucksvoll war hier auch der wilde, unerbittlich gestaltete „Gewittersturm" im Zentrum des Satzes.

Mit dem voll heiterem Esprit gespielten Scherzo und dem abschließenden, angemessen zügig musizierten Rondo leitete Lee schließlich zu Henry Dutilleux' Klaviersonate über und bewies hier sowohl große spieltechnisch-körperliche wie auch gestalterische Kraft, gelang es ihr doch, die vielen Charaktere des oft flirrend-irrlichternden Werkes mit zum Teil fast jazzigen Anklängen zu einem großen Ganzen zu formen und dabei dennoch stets präzise zu artikulieren. Im teils langsamen zweiten und dritten Satz hob sie die melodieführenden Stimmen deutlich hervor und stellte in anderen, komplexen und schnellen Passagen die hier abverlangte Virtuosität ganz in den Dienst des Werkes.

Das Publikum zeigte sich äußerst angetan und begeistert vom Spiel dieser Pianistin, der zu wünschen ist, auch künftig viel von sich reden zu machen.

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