Jee Eun Franziska Lee

12.12.17 - Zwei Rosen für die Musik

 


Jee Eun Franziska Lee lässt Schuberts Sonaten bei ihrem Klavierabend aufleuchten

„Der Tod vergrub hier einen reichen Besitz, aber noch schönere Hoffnungen“, hebt die von Grillparzer verfasste Inschrift auf Schuberts Epitaph an. Doch diese Hoffnun­gen hatten sich längst erfüllt, auch in den großen Musikgattungen. Zwei Monate vor seinem Tod hatte Schubert eine gewaltige Trias von Klaviersonaten vollendet, die freilich erst ein Jahrzehnt nach seinem Tod publiziert wurden. Der monumentale Aus­klang dieser Trias, die B-Dur-Sonate D 960, beschrieb nun den Höhepunkt eines vom Kulturfonds Baden veranstalteten Klavierabends im Velte-Saal mit der Pianistin Jee Eun Franziska Lee, der Franz Schubert gewidmet und von dessen Sonaten Es-Dur (D 568) und a-moll (D 784) eingeleitet war.

Es lohnt jede Sekunde, dem Spiel der 1988 in Seoul geborenen Pianistin zuzuhören und auch zuzusehen:Klavier wird hier nicht länger gespielt, hier wird Klavier gelebt, im Bewegungsablauf auf das Notwendigste reduziert, nur der Musik dienstbar, in Leuchtkraft derTongebung, Feinheit der Nuancierungen und virtuosem Zugriff ent­waffnend souverän. Der lyrische Fluss, den sie der Es-Dur-Sonate angedeihen ließ und ihreEntschlossenheit der Akzentuierung bei dem a-moll-Werk, dem Trauer­marschcharakter des Allegros, dem Balladesken des Andante und ihre Fähigkeit, zwischen den geisternden Triolen und schroffen Ausbrüchen des Finales liedhafte Li­nien aufleben zu lassen, zeigten auf, wieviel von dieser Musik auf Mendelssohn und Chopin ausstrahlte.

Dur kann bei Schubert trauriger sein als jedes Moll und die verhalten raunende Kan­tabilität des Kopfsatzes der B-Dur-Sonate mit ihren Trillervertiefungen und der nach­folgende Andante-Abgrund verströmen alles andere als Fröhlichkeit. Lee gelingt es, in diesen zwischen Depression und Aufhellung changierenden, geweiteten Dimensio­nen Überblick herzustellen, durch immer neuesAkzentuieren der Stimmungswechsel und durch straffe Tempi. Die Halbton-Abgründe des Finales, zur Presto-Stretta lei­tend, gerieten ihr dadurch etwas zu aktiv, zu konkret, doch Schuberts Musikidee, wie er sie in einer Prosaskizze aus dem Sommer 1822 umschrieb, war, auch mit dem zu­gegebenen Ges-Dur-Impromptu (D899/3) auf’s Ernsthafteste erfüllt: „Wollte ich Lie­be singen, ward sie mir zum Schmerz. Und wollte ich Schmerz nur singen, ward er mir zur Liebe“ – zwei Rosen für die Musik.

Claus-Dieter Hanauer

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